Auf ein Wort

mit Dr. med. Dr. phil. Moritz Heepe, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für psychische Erkrankungen im
St. Joseph-Krankenhaus Dessau

Dessau-Roßlau gilt als älteste Stadt Deutschlands. Welche Herausforderungen bringt das für die Arbeit der Klinik für psychische Erkrankungen mit sich?

„Die Alterung unserer Stadt wirkt sich durchaus auf die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung aus. Erstens haben wir es mit einem etwas verändertem Erkrankungsspektrum zu tun, da wir vergleichsweise mehr Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen – speziell Demenzerkrankungen – und solche mit zusätzlichen körperlichen Erkrankungen behandeln. Zweitens findet man bei älteren Patienten öfters eine gegenüber Jüngeren mit der gleichen Erkrankung veränderte Symptomatik. Der affektive Druck und die Art der Emotionsäußerung sind nicht selten anders. Drittens muss bei der psychotherapeutischen, medikamentösen und den sonstigen Behandlungen auf die Besonderheiten älterer Patienten eingegangen werden.
Ich möchte aber betonen, dass all dies keine grundsätzlichen Schwierigkeiten aufwirft. Wir haben dementsprechend keinen abgegrenzten Altersbereich, sondern behandeln Jung und Alt mit Gewinn erkrankungsbezogen gemeinsam. Überspitzt gesagt gilt: die Lebhaftigkeit der Jungen und die Abgeklärtheit der Alten ergänzen sich oftmals recht gut."

 

Wo sehen Sie die Psychiatrie in Dessau-Roßlau in fünf Jahren?

„Die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung in Dessau wird sich zweifellos im Bereich der ambulanten Angebote weiter intensivieren.
In unserer Klinik sind vielleicht vier Entwicklungen abzusehen. Im Depressionsbereich werden wir vermehrt spezielle Angebote für chronisch Depressive vorhalten. Im Suchtbereich werden wir Patienten mit gestörter Emotionsregulation intensiver behandeln. Bei den Psychosepatienten sind wir künftig hoffentlich in der Lage, ihnen zu helfen, ihre allfälligen Suchtprobleme – speziell Stimulanzien betreffend – besser in den Griff zu kriegen. Im Demenzbereich werden wir künftig sicher mehr Angehörigenarbeit und stationsvermeidende Angebote vorhalten müssen."
 

Was bedeutet es für Sie persönlich Alexianer zu sein?

„Die Alexianer sind ein aus ärztlicher Sicht zutiefst sympathischer Träger. Zum einen sind sie aufgrund ihrer spirituellen Basis unstrittig karitativ ausgerichtet: das Patientenwohl steht allseits unverkennbar im Mittelpunkt. Überdies sind die Alexianer aber in geradezu privatwirtschaftlich-effizienter Weise organisiert. Hier wird kein umfänglicher Verwaltungsstab finanziert, wie es bei manchen öffentlichen Trägern der Fall ist. Es müssen aber auch keine Gewinne für Anteilseigner erwirtschaftet werden, wie bei privaten Trägern.
Diese besondere Mischung macht die Arbeit als Arzt, besonders in leitender Funktion, in diesem Unternehmen attraktiv."


Wie kam es, dass Sie Mediziner und Philosoph geworden sind?

„Aus meiner Sicht sind Philosophie, Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie gar nicht trennscharf unterscheidbar. Die Philosophie schult das abstrakte, konzeptbewusste Denken und Werten. Die Psychologie und die Neurowissenschaften liefern die empirisch-wissenschaftlichen Modelle und Daten dazu. Die Psychiatrie und Psychotherapie beziehen sich auf echte Interaktionen mit echten Menschen im Einzelfall.
All diese Zugangswege zum menschlichen Erleben und Verhalten kreisen indes oftmals um ganz ähnliche Fragen. Was ist das menschliche Bewusstsein, was sind Gefühle und Gedanken, was bedeutet Selbstbestimmungsfähigkeit? Was ist psychische Krankheit und wie kann man sie überwinden? Was ist ein gelingendes Leben?
Tatsächlich verglichen die antiken griechischen Philosophen gerne die Philosophie mit der Medizin und sahen diese als Medizin für die Seele an.
Im Ganzen war meine Fächerkombination also einfach folgerichtiger Ausdruck meines ganzheitlichen Interesses am Menschen und den Möglichkeiten, einem leidenden Subjekt zu helfen."


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